Die Integration braucht viel mehr Zeit, als wir den Menschen dafür geben

[08.03.2018]

Ivy Bieber Die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Die deutschen Behörden registrierten laut Mitteilung des Bundesinnenministeriums 186.644 Asylsuchende. Im Jahr 2016 waren 280.000 und im Jahr 2015 rund 890.000 asylsuchende Menschen nach Deutschland gekommen. Auch dem Landkreis Altenburger Land wurden seit Sommer 2016 keine weiteren Flüchtlinge zugewiesen. Über die aktuelle Situation im Landkreis und den Stand der Integration sprach Amtsblatt-Redakteurin Jana Fuchs mit der Integrationsbeauftragten des Altenburger Landes Ivy Bieber.

Frau Bieber, wie viele Flüchtlinge leben derzeit bei uns im Altenburger Land?
Ivy Bieber: In unserem Landkreis sind aktuell 1.130 Flüchtlinge registriert. 867 von ihnen sind anerkannte Flüchtlinge, das heißt, sie haben ein Bleiberecht. Die restlichen Personen befinden sich noch im laufenden Asylverfahren oder werden nach abgelehntem Asylantrag geduldet und leben in von Landkreis angemieteten Wohnräumen.

Wie macht sich der Familiennachzug im Altenburger Land bemerkbar?
Ivy Bieber: Wir rechnen nicht mehr mit sehr viel Familiennachzug, denn es waren ja vor zwei Jahren schon größtenteils die Familien, die uns zugewiesen wurden. Von unseren 1.130 Flüchtlingen sind 147 nachgezogene Familienmitglieder. Prinzipiell dürfen keine Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Neffen und dergleichen nachgeholt werden – nur Ehegatten, Kinder sowie die Eltern von minderjährigen Flüchtlingen sind erlaubt. Man muss auch wissen, dass ein solcher Familiennachzug nicht von heute auf morgen gelingt. Wenn die Ausländerbehörde in Deutschland den Nachzug genehmigt hat, braucht das noch im Heimatland lebende Familienmitglied, das nach Deutschland möchte, das auszustellende Visum von der dortigen Botschaft und damit verbunden dort erst einmal einen Termin. Das dauert in der Regel viele Monate, manchmal sogar Jahre. Ich möchte auch noch einmal klarstellen, dass nachgezogene Familienmitglieder keine Asylsuchenden sind.

Warum leben die meisten Flüchtlinge in der Stadt Altenburg?
Ivy Bieber: Anerkannte Flüchtlinge haben das Recht, sich in Thüringen eine eigene Wohnung zu suchen; wenn sie eine sozialversicherungspflichtige Arbeit finden oder einen Ausbildungs- bzw. einen Studienplatz dürfen sie das auch deutschlandweit. Attraktiv sind natürlich die Städte. Erfurt hat einen großen Zuzug, Gera auch. Altenburg ist interessant, weil die Stadt eine gute Verkehrsanbindung vor allem nach Leipzig hat und es hier freien Wohnraum gibt. In den Städten sind die Chancen auch größer, einen Job zu finden.

Wie schätzen Sie die Bemühungen der Flüchtlinge ein, eine Arbeit zu finden?
Ivy Bieber: Ich kann Ihnen sagen: Die allermeisten wollen arbeiten. Viele kommen zu mir und fragen: Haben Sie irgendwo was für mich, kann ich arbeiten? Kann ich, kann ich, kann ich. Der Willen, selbst Geld zu verdienen, ist da. Aber sie haben es natürlich sehr schwer, eine Arbeit zu finden. Viele Unternehmen haben Bedenken, einen Flüchtling einzustellen. Das kann ich verstehen, denn die Sprachbarriere ist natürlich noch da und nicht immer haben die Geflüchteten eine gute Ausbildung. Da müssen wir auch ehrlich sein, nur wenige sind momentan sofort als Fachkräfte einsetzbar. Pünktlich und zuverlässig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und zu verinnerlichen, dass man Teil eines großen Gefüges ist, müssen viele noch lernen. Aber ich kann sagen, es gibt wirklich kaum Flüchtlinge, die im Moment nichts zu tun haben. Die Kinder gehen in die Schule, sehr viele Flüchtlinge sind in Deutschkursen oder in Bildungsmaßnahmen.

Was tut der Landkreis, um diese Integration weiter voranzubringen und wo genau liegen noch Probleme?
Ivy Bieber: Es haben sich Problemfelder herauskristallisiert, die aber zum Teil deutlich zurückgegangen sind: Zum einen das Thema Mülltrennung und die Sache mit dem Lärm. Mit sehr vielen Flüchtlingsfamilien (und Anwohnern) habe ich selbst Gespräche geführt. Als sicher einer der ersten Landkreise in Deutschland haben wir im Altenburger Land im März 2017 mit Mietschulungen begonnen. Hier haben wir den Flüchtlingen erklärt, welche Rechte, vor allem aber welche Pflichten sie haben, wie man den Müll trennt, die Hausordnung einhält und sparsam mit Energie umgeht, was sie auch in einer Verständnisprüfung nachweisen müssen. Zwischen den Vermietern und mir gibt es da einen engen Draht. Über die freiwilligen Schulungen haben wir über 230 Flüchtlinge erreicht. Und die Schulungen gehen weiter. Wer beim illegalen Müllabladen erwischt wird, bekommt ein Ordnungsgeld aufgebrummt. Und da gibt es keinen Unterschied, ob der Schludrian aus Deutschland oder aus Afghanistan kommt. Ein weiteres Problemfeld ist der Bereich Schule. Neben den Mietschulungen gibt es nun Elternschulungen für Eltern von schulpflichtigen Flüchtlingskindern. Hier geht es um Rechte, Pflichten, Hilfsangebote und Gepflogenheiten, aber eben auch um Verfehlungen und deren Konsequenzen im Schulalltag. Als erste haben die Altenburger Mäderschule und die Schule in Rositz dieses Angebot genutzt. Vier Sozialarbeiter des Landratsamtes, die Landratsamtsmitarbeiter im Fachdienst Flüchtlinge/Aussiedler und ein großes Netzwerk an ehrenamtlichen Helfern unterstützen die Integration, die sicher langsam, aber doch immer besser gelingt.
Ein wichtiger Bereich ist natürlich die Sprache. Manche erlernen die deutsche Sprache sehr schnell, manche, vor allem Ältere, sehr langsam. Der Wille allein reicht da oft nicht. Durch die Erweiterung des Angebotes an Sprachkursen auch für Nicht­anerkannte wird es auch hier Verbesserungen geben.
Und natürlich gibt es auch andere Probleme, wie innerfamiliäre, die vieles erschweren. Aber längst nicht alles, was augenscheinlich noch nicht funktioniert, ist fehlendem Integrationswillen geschuldet.

Wenn Sie die vergangenen drei Jahre in der Flüchtlingsarbeit Revue passieren lassen, wie fällt Ihr Urteil aus?
Ivy Bieber: Wir haben Vieles, aber sicher nicht alles, richtig gemacht. Ich denke, vor allem, als es die großen Flüchtlingszahlen 2015/16 gab, ist eine super Arbeit geleistet worden. Oft wird dem Landkreis die Schuld dafür gegeben, dass fast alle Flüchtlinge in Altenburg leben. Der Landkreis konnte die Flüchtlinge nur dort unterbringen, wo er Wohnungen bekommen hat. Und das war vorwiegend in Altenburg. Kapazitäten für große Gemeinschaftsunterkünfte hatten wir so schnell nicht. Die Landrätin hat sich also für dezentrale Unterbringung entschieden. Der Nebeneffekt dabei war, dass die Wohnungsgesellschaften Mieteinnahmen hatten. Die Alternative wäre gewesen, viele Turnhallen und Veranstaltungshallen zu schließen, um den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu geben. Was nicht perfekt funktioniert hat, war damals, als alles sehr schnell gehen musste, der Weitblick in Sachen Integration, die erst mal ins Hintertreffen geraten war. Und damit haben wir uns natürlich Probleme geschaffen. Zum Beispiel haben wir den Flüchtlingen große schwarze Mülltonnen bereitgestellt, in denen sie alles entsorgen konnten, ohne es entsprechend zu trennen. Mit mehr Geld und mehr Personal hätten wir früher mit der Integration beginnen können. Die Leistung der vielen ehrenamtlichen Helfer ist da gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Jedenfalls sind weder der Landkreis noch die Städte und Gemeinden schuld an der Flüchtlingssituation und tun ihr Bestes um Probleme anzugehen und ein Miteinander zu fördern. Anschuldigungen, die es zuhauf gab, nützen uns da wenig. Wir reden mit den Bürgern, nicht zuletzt in den Einwohnersprechstunden und sind für jede Anregung, jede Idee, aber auch das Aufzeigen bestehender Missstände sehr dankbar. Denn eines muss man ganz ehrlich sagen: Die Integration braucht mehr Zeit, als viele geplant haben, den Menschen dafür zu geben. Diese Zeit müssen wir uns nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Kontaktdaten
Landratsamt Altenburger Land

asyl@altenburgerland.de


Fachdienst Flüchtlinge/Aussiedler
Fachdienstleiterin Ivonne Abd el Kader (komm.)
Lindenaustraße 10, 04600 Altenburg
Telefon: 03447 586-765
Telefax: 03447 586-747

Fachdienst Öffentliche Ordnung
Fachdienstleiter Andreas Brasche
Lindenaustraße 9, 04600 Altenburg
Telefon: 03447 586-132
Telefax: 03447 586-106

Integrationsmanagerin
Ivy Bieber
Lindenaustraße 10, 04600 Altenburg
Telefon: 03447 586-742
Telefax: 03447 586-747
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