„Landkreis hat viele leistungsstarke Unternehmen, die sich am Markt durchsetzen“

5. Februar 2026

Herr Melzer, welche ist für Sie als Landrat die beste Nachricht zum Start ins neue Jahr?

Eine sehr gute Nachricht ist, dass wir 2026 nun endlich die Fördermittelbescheide für die ersten Projekte aus dem Investitionsgesetz Kohleregionen als Teil des Strukturstärkungsgesetzes erhalten. Der Bund hatte es verabschiedet, nachdem er den Kohleausstieg besiegelt hatte. Nach langem Ringen und intensiven Gesprächen stand im Sommer 2020 fest: Auch das Altenburger Land als ehemaliges Kohleabbaugebiet erhält für die aktive und nachhaltige Gestaltung des Strukturwandels einen finanziellen Betrag. Für uns sind das 90 Millionen Euro. Das Abstimmungs- und Genehmigungsprozedere und die Vorgaben für unsere Leitprojekte waren auf Kreis-, Landes- und Bundesebene nicht einfach und langwierig, was bei solch großen Millionenbeträgen auch nicht ungewöhnlich ist. Mit dem Industriepark Altenburg/Windischleuba, dem Reallabor und Erprobungsraum „Mobilität der Zukunft“ am Flugplatz in Nobitz, dem AWA Bildungs- und Dienstleistungszentrum 4.0 und der Weiterentwicklung der touristischen Infrastruktur am Haselbacher See können wir, sobald uns die Bescheide in Kürze erreichen, die nächsten wichtigen Schritte einleiten. Der Kreistag wird – voraussichtlich im April – über die Eigenanteile, die wir als Landkreis zu tragen haben, entscheiden können. Im Februar 2021 hatten die Kreisräte in einem Grundsatzbeschluss bereits grünes Licht für die Projektauswahl gegeben. Dann kann es mit der konkreten Planung und Umsetzung auch wirklich losgehen. Auch für das Vorhaben Burg Posterstein sieht es ganz gut aus.

Am Nordflügel der Burg Posterstein kann also weitergebaut werden?

Ich hoffe bald. Die mittelalterliche Burg Posterstein zählt zu den touristischen Highlights im Altenburger Land und zieht jährlich tausende Besucher an. Wir haben uns dafür entschieden, den Nordflügel der Burg Posterstein wieder aufzubauen. Der Rohbau steht seit 2024, dafür hat uns der Freistaat Thüringen Fördermittel zur Verfügung gestellt. Jetzt müssen wir natürlich auch den Innenausbau fertigbekommen. Wir sind aktuell dabei, einen Förderantrag zu stellen. Die Prüfung ist bereits weit fortgeschritten.

Apropos Tourismus – ist er als Wirtschaftsfaktor spürbar?

Absolut. Der Landkreis hat sich als sehr leistungsstarke und dynamische Destination entwickelt. Wenn ich auf die Zahlen aus 2024 blicke: Über 2,29 Millionen Menschen sind auf die Schätze der Region aufmerksam geworden und haben 288.141 Übernachtungen generiert. Der Tourismus im Landkreis erzielte einen Bruttoumsatz von 71 Millionen Euro. Das ist ein starkes Wachstum und unterstreicht die Bedeutung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor. Wir haben ein riesiges Potenzial, Menschen und damit Kaufkraft ins Altenburger Land zu holen. Dem sehr engagierten Team des Tourismusverbandes gelingt es mit maßgeschneiderten Angeboten, tollen Ideen und klugen Marketingaktionen ganz hervorragend, Touristen neugierig auf unsere wunderschöne Region zu machen. Dass mit dem „Best Western“ in der Schmöllnschen Landstraße in Altenburg demnächst eine Hotelneueröffnung bevorsteht, freut mich ebenfalls sehr. Auch das Parkhotel am Großen Teich will dieses Jahr investieren und modernisieren. Wenn das Lindenau-Museum und das Theater wiedereröffnet sind und das Yosephinum, ein Projekt der Stadt Altenburg, fertiggestellt ist, wird das dem Tourismus noch einmal einen kräftigen Schub geben, da bin ich mir sicher.

Wie lange werden die Arbeiten am Lindenau-Museum und am Theater noch dauern?

Das ursprüngliche Sanierungsprojekt, die logistische Erschließung des Theaters und die Erneuerung der Bühnenmaschinerie, sind seit letzten Sommer komplett abgeschlossen. Die massive Schädigung des Kronenboden-Tragwerkes ist erst im Laufe der Bauarbeiten zu Tage getreten. Im zweiten Quartal dieses Jahres sollen dort die Bauarbeiten beginnen. Der Zuschauerbereich war von der geplanten Theater-Sanierung ausgeklammert, weshalb er weder baurechtlich noch brandschutztechnisch betrachtet wurde. Da der Kronenboden aber Bestandteil des kompletten Zuschauerbereiches ist, ist die Situation nun eine andere und erfordert verschiedene baurechtliche und brandschutztechnische Maßnahmen. Darüber hinaus ist nun auch noch die Erneuerung der Trinkwasserleitung und der Be- und Entlüftungsanlage für den Zuschauersaal sowie die Erneuerung sanitärer Anlagen und der Eingangstreppe erforderlich. Ich bin sehr dankbar dafür, dass uns der Freistaat Thüringen dafür noch einmal mit 8,37 Millionen Euro Fördermitteln unterstützt. Die Wiedereröffnung des Theaters ist für Frühjahr 2028 geplant.

Das Lindenau-Museum soll ab Juni 2029 wieder Besucher empfangen. Nachdem wir Ende November von Bund und Land den Fördermittelbescheid über 48 Millionen Euro erhalten haben, können wir die nächsten Sanierungsschritte einleiten. So sind Lose für Zimmererarbeiten und die Aufarbeitung des historischen Tafelparketts bereits vergeben, Ausschreibungen für Rohbaumaßnahmen am Bestandsgebäude sowie für das neu zu bauende Stadtgeschoss sind in Vorbereitung. In den kommenden Monaten wird man auch im Außenbereich mehr und mehr von den Bauarbeiten sehen. Was den Marstall anbetrifft, den wollen wir auf jeden Fall herrichten. Wir haben das Gebäude von der Stadt Altenburg käuflich erworben und uns damit zu einer Investition verpflichtet. Für die Finanzierung und Nutzung werden wir eine Lösung finden und dann mit der Bitte um Unterstützung auch an Bund und Land herantreten.

Abgesehen von Theater und Museum hat der Landkreis aber auch noch viele andere Baustellen – Straßen, Brücken, Schulen …

Daran arbeiten wir auch in diesem Jahr intensiv weiter. Der Ersatzneubau der Pleißebrücke in Kotteritz für rund 1,5 Millionen Euro ist auf der Zielgeraden. Ich denke, im Frühjahr wird dort der Verkehr wieder rollen. Baumaßnahmen laufen aktuell auf Straßenabschnitten in Kriebitzsch und in Wettelswalde. Im ersten Halbjahr sollen weitere Maßnahmen zur Deckenerneuerung auf Straßenabschnitten in Mockern, Posterstein und Saara beginnen. Ich bin optimistisch, dass wir auch die Gesamtbaumaßnahme unserer Kreisstraße zwischen Kleintreben und Pahna in diesem Jahr beenden. Hier haben wir in den zurückliegenden Jahren schon fünf Teilabschnitte saniert, jetzt fehlt noch ein letztes kleines Stück. Sanierungsarbeiten sind in 2026 auch in Rositz, in Ponitz sowie zwischen Zweitschen und Mehna geplant.

Dass unsere Schulen vernünftig aussehen, ist mir sehr wichtig. Wir bauen, verschönern und sanieren Jahr für Jahr. In 2026 haben wir dafür rund 10,8 Millionen Euro geplant, davon sieben Millionen Euro Eigenmittel. Eines der größten Projekte hat bereits Ende des letzten Jahres begonnen: Die Sporthalle des Meuselwitzer Seckendorff-Gymnasiums wird umfassend saniert und um einen neuen Sozialtrakt erweitert. Das kostet rund vier Millionen Euro, die zu zwei Dritteln durch Fördermittel des Freistaates abgedeckt werden.

All das lässt sich aber nur mit einem beschlossenen Haushalt umsetzen und den hat der Landkreis für das laufende Geschäftsjahr noch nicht.

Es ist das erst Mal in meiner Amtszeit, dass es vor Beginn des neuen Jahres nicht gelungen ist, einen Haushalt vorzulegen und zu beschließen. Wir haben erhebliche Mehrausgaben in erster Linie im Sozialbereich, im Öffentlichen Personennahverkehr und beim Personal. Es hätte eine enorm hohe Kreisumlage für unsere Kommunen bedeutet, unter diesen Gegebenheiten einen Haushalt zu beschließen und das wäre im Kreistag auch nicht mehrheitsfähig gewesen. Nach intensiven Gesprächen mit dem Freistaat haben wir schließlich erreicht, dass unsere Finanzmittel vor allem für die Sozialausgaben aufgestockt wurden. Überdies hat das Land kurz vor Weihnachten seinen Doppelhaushalt beschlossen, sodass wir nunmehr genau wissen, mit welchen finanziellen Zuweisungen wir rechnen können. Diese Kennziffern bauen wir jetzt gerade in unseren Haushalt ein. Mein Ziel ist es, den Kreishaushalt am 4. Februar im Kreistag zu beschließen.

Stichwort Öffentlicher Personennahverkehr. Verbesserte Angebote gibt es bereits, wann „zündet“ die nächste Stufe des Projektes „Regionalverkehr verbindet – Mobilität für das Altenburger Land“?

Wir wollen den ÖPNV vor allem im ländlichen Gebiet attraktiver gestalten. Die Neuausrichtung erfolgt in drei Stufen. Die erste Projektstufe, die Neukonzeption des Busverkehrs in der Nordregion, sowie Stufe 2 rund um Dobitschen, Altkirchen und Posa haben wir bereits umgesetzt. Stufe 3 im südlichen Gebiet des Landkreises wird noch kommen, aber nicht mehr in diesem Jahr, weil uns aktuell das Geld, etwa drei Millionen Euro, dafür fehlt. Zunächst gilt es erst einmal das zu sichern, was wir haben.

Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage im Altenburger Land ein?

Ich würde sagen, die Lage ist geprägt von Licht und Schatten, so wie in ganz Deutschland. Unsere Arbeitslosenquote liegt stabil bei knapp über neun Prozent. Das ist nicht schön, aber anderswo wachsen die Zahlen gerade an. Der gesamte Automobilbereich ist in einer angespannten Situation, wir haben Zulieferbetriebe in unserem Landkreis und Arbeitnehmer, die etwa ins Zwickauer VW-Werk auspendeln. Es gibt kleine positive Signale – das Zwickauer Werk kann den ID.3 und das Cupra-Modell weiterbauen. Denn wenn wir über die wirtschaftliche Lage im Altenburger Land sprechen, müssen wir auch über die Kreisgrenzen hinausschauen.

Wir freuen uns über Unternehmensansiedlungen aus der Kreislaufwirtschaft: die Tubis Ost GmbH, die in Nobitz eine Anlage errichtet, in der aus Kunststoffabfällen hochwertiges Rohöl gewonnen werden kann und die Cleanstream Deutschland GmbH, die in Gößnitz eine Anlage in Betrieb genommen hat. Im Gegenzug hat uns das Aus von Unternehmen in Schmölln sehr betroffen gemacht. Wir haben im Landkreis viele leistungsstarke Unternehmen, die investieren und sich mit innovativen Ideen am Markt durchsetzen. Zwei Beispiele dafür sind die Valere Agrar Service GmbH aus Langenleuba- Niederhain, die aus Reststoffen des Hanf¬anbaus Tierfutterpellets herstellen will sowie die POG Präzisionsoptik GmbH aus Löbichau mit einem spannenden Digitalisierungsprojekt. Beide Unternehmen werden für ihre weitere Entwicklung übrigens auch Fördermittel aus dem Bundesmodellvorhaben UNTERNEHMEN REVIER erhalten. Weitere Firmen haben sich personell verstärkt, was für eine solide wirtschaftliche Stabilität spricht.

In vielen Landkreisen gibt es für Geflüchtete sogenannte Arbeitsgelegenheiten. Warum nicht im Altenburger Land?

Das soll es demnächst auch bei uns geben. Denkbar sind Tätigkeiten für kommunale Einrichtungen, auf Außenflächen, in Bauhöfen, aber auch bei gemeinnützigen Vereinen oder zivilgesellschaftlichen Akteuren. Wichtig ist, dass die Aufgaben einen erkennbaren Mehrwert für die Allgemeinheit darstellen und nicht wirtschaftlichen Interessen dienen. Gerade einfache, klar abgrenzbare Tätigkeiten können im kommunalen Raum eine spürbare Entlastung bieten. Damit verbunden ist die Chance, Geflüchtete perspektivisch in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Die Vorbereitungen dafür laufen. Ich werde zuerst das Gespräch mit den Bürgermeistern und VG- Vorsitzenden suchen, um mögliche Einsatzfelder, organisatorische Abläufe und Unterstützungsbedarfe zu sondieren.

Das waren viele positive Botschaften. Weniger gut war die Nachricht, dass das Altenburger Land im Prognos Zukunftsatlas 2025, der ein Ranking für Deutschlands Regionen beschreibt, auf Platz 399 von 400 gelandet ist. Stehen wir wirklich so schlecht da?

Nein, eine Verkürzung der Aussagekraft dieses Rankings auf den vorletzten Platz ist kaum sachgerecht. Der Prognos Zukunftsatlas 2025 betrachtet 31 makroökonomische und sozioökonomische Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation sowie Wohlstand und soziale Lage. Bei 13 der 31 Indikatoren hat sich der Landkreis um mehr als zehn Ränge verschlechtert, bei sieben Indikatoren hingegen um mehr als zehn Ränge verbessert. Ein Teil der Indikatoren bewertet absolute Werte wie „Stärke“, während die weiteren Indikatoren relative Veränderungen betrachten – „Dynamik“. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die statistischen Werte des Prognos Zukunftsatlas 2025 aus den Jahren 2019 bis 2024 stammen. Insbesondere im Bereich der demografischen Indikatoren tragen wir die Last der Bevölkerungsveränderungen der 1990er Jahre. Dieses demografische Echo lässt sich nur schwer in kurzer Frist vollkommen verändern. Es ist jedoch festzuhalten, dass seit mehr als zehn Jahren per Saldo keine Abwanderung mehr messbar ist, sondern die natürliche Bevölkerungsentwicklung die Veränderung bestimmt. Auch der Wiederanstieg der Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent in 2022 auf 9 Prozent in 2024 hat eine deutlich negative Auswirkung auf mehrere Indikatoren. Eine der größten Herausforderungen für die Zukunft bleibt der weitere Aufholprozess beim Bruttoinlandsprodukt. Hier gilt es, Möglichkeiten für eine Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis unserer Region konsequent zu nutzen.

Nun aber auch einige Beispiele von positiven Bewertungen des Rankings: Kommunale Schuldenlast je Einwohner 2023 – Rang 68 von 400. Investitionsquote der Industrie in Prozent der Bruttowertschöpfung, Durchschnitt 2020 bis 2022 – Rang 111 von 400. Ausbaustand Erneuerbare Energien in Megawatt je Quadratkilometer 2023 – Rang 138 von 400. Beschäftigte in Zukunftsbranchen, Anteil in Prozent 2024 – Rang 180 von 400.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Die Gesamtbewertung des Prognos Zukunfts¬atlas 2025 kann uns als Region nicht zufriedenstellen. Sie bestätigt die Notwendigkeit, dass insbesondere wir im Altenburger Land ein starkes Interesse an der Steigerung der wirtschaftlichen Aktivität unmittelbar vor Ort haben sollten. Hierbei gilt es selbstverständlich alle berechtigten Interessen zu hören und in einer Gesamtschau abzuwägen.

Bei all dem, was im Landkreis gerade in Bewegung ist, in Kürze beginnt oder auf dem Plan steht – haben Sie ein Herzensprojekt?

Mir ist jedes einzelne Vorhaben wichtig. Aber ja, ich habe in der Tat zwei Herzensprojekte. Das ist zum einen die Weiterentwicklung unseres Schulstandortes in Nöbdenitz mit der Sanierung des Bestandsgebäudes, mit einem Erweiterungsbau und mit dem Bau einer Sporthalle, sodass hier perspektivisch neben den Nöbdenitzer Regelschülern auch die Mädchen und Jungen aus den Grundschulen in Großstechau und Thonhausen zur Schule gehen können. Hierzu gibt es auch schon spannende Ideen und erste architektonische Entwürfe, wie das in Zukunft einmal aussehen könnte. Wir prüfen jetzt, was davon umgesetzt werden könnte. Das ist ein mittelfristiges Projekt, vielleicht für die nächsten sechs bis acht Jahre. Ein zweites Herzensprojekt ist die Sanierung der Sporthalle in der Altenburger Platanenstraße. Sie wird nicht nur von den Schülern unserer Berufsschule für Wirtschaft und Soziales genutzt, sondern vor allem auch von ganz vielen Vereinssportlern. Die Halle ist in die Jahre gekommen und mir liegt sehr viel daran, sie zum Sporttreiben modern herzurichten.

Interview: Jana Fuchs